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"Blossom"


Aus einem lang gestreckten Keil, der im Zentrum der Komposition und zugleich in der Mitte des Bildes liegt, zweigen zwei achsensymmetrisch gespiegelte Gebilde ab. Sie erinnern an Flügel, könnten aber auch an gebogene, somit einander zugewandte Herzen denken lassen. Das spitze untere Ende des Keils trägt einen Fächer, einem Federkleid ähnlich. So fügt sich die Komposition zusammen wie zu einer vogelgleichen Form mit sinnbildlicher Anlagerung. Zugleich aber ähnelt sie einer Blüte oder Blattformation. Hinter diesem geflügelten Bluter liegt ausschnitthaft sichtbar eine Scheibe, die wie ein zusätzliches Bindeglied für die übrigen Elemente erscheint. So korrespondieren naturhafte Elemente, zeichnerisch eher frei entwickelte und klare geometrische Formen.

Die Zeichnung von Ellen Mäder-Gutz spricht den Betrachter in ihrer Körperlichkeit unmittelbar an. Sie weckt direkte Assoziationen zu Naturerscheinungen, obwohl sie nicht eins zu eins als eine bestimmte Spezies identifiziert werden kann. Die Schraffuren bilden eine Plastizität aus, die trotz - oder vielleicht gerade wegen - der Beschränkung auf das Schwarz-Weiß vital und organisch anmutet. Ein Puls scheint hinter den gewölbten Oberflächen mehr spürbar als sichtbar zu agieren. Die leibliche Lebendigkeit wird von einer Dynamik begleitet, die aus dem bildnerischen Zentrum und aus dem Kern des zeichnerisch umrissenen Körpers heraus wirkt.

Ein anderes Blatt erscheint eindeutiger: Es stellt eine Anthurie dar, auch Flamingoblume genannt. Die Pflanze besitzt eine feste, konturenklare Präsenz, die sich in einer Vielzahl von Varianten niederschlägt. In der Freistellung und grafischen Reduktion aber wirkt sie neu, so noch nicht gesehen, geradezu erhaben. In einer weiteren Zeichnung fügen sich drei Blattformen zu einem strengen Gebilde, ein Wuchs wird nachgestaltet, der zugleich konstruktiv anmutet, kein freies Wuchern äußert sich hier, sondern Entfaltung nach einem festen Plan. Dagegen muten andere Gebilde in ihren üppigen Wölbungen und prallen Wülsten ungehemmt ausladender an. Eine offensive Körperlichkeit offenbart sich, wie sie etwa in den vielfach ineinander verschachtelten Orchideenblüten zu finden ist.

Die Vielfalt pflanzlicher Formen ist unendlich. Nicht nur was die äußere Erscheinung betrifft, auch bezüglich der Spannbreite der Funktionsträger für die grundlegenden Entstehungs- und Entwicklungsprozesse hat sich die Natur eine Menge einfallen lassen. In den hier ausgestellten Werken lässt sich ein großer Anteil davon erkennen und - was die Exponate vor allem auszeichnet, er lässt sich mit den Sinnen nachempfinden.

„Blossom" überschreibt Ellen Mäder-Gutz ihre Ausstellung. Diese Auswahl ist durchaus repräsentativ. Der Titel erklärt sich selbst. Zentraler Bezugspunkt für das Schaffen der in Vechta lebenden Künstlerin ist die Natur: Organisches, vor allem Florales und darin vorzugsweise Blüten. Das Auf- und Ausblühen, die Entfaltung der Gestalt dient als Referenz für einen bildnerischen Prozess, der das Wirken und Wesen des Natürlichen aufgreift. Nicht triviale Symbolik von Blumen kommt zum Ausdruck, vielmehr geht es um eine Essenz des Erscheinungsbilds, um eine Verdichtung und Stilisierung floraler Pracht und organischer Prinzipien.

Die Biographie der an der Berliner Kunsthochschule Weißensee ausgebildeten Künstlerin dürfte bei diesen Motivvorlieben eine Rolle spielen. In der Nähe zur Natur, auf einem Bauernhof, groß geworden und auch jetzt ländlich mit Seeblick lebend, fungiert das alltäglich gegenwärtige Naturbild als zentraler Impulsgeber.

Die Blüte einer Pflanze ist - in weitgefasster Definition - ein unverzweigter Kurzspross mit begrenztem Wachstum, dessen Blätter indirekt oder direkt im Dienst der geschlechtlichen Fortpflanzung stehen: indirekt als Schutz- oder Anlockungsorgane (Blütenhülle), direkt durch die Bildung der Fortpflanzungsorgane (Staubblätter und Fruchtblätter). Das vertraute Bild von Blumen nimmt in den Kompositionen von Ellen Mäder-Gutz eine neue Gestalt an, eine Zuspitzung von Exotik und Erotik verführt zum Blickkontakt. Mehr noch: der Betrachter wird über die stofflichen Oberflächen zu einer visuellen Berührung angeregt, der Tastsinn ist animiert.

Auch wenn diese Perspektive nicht die einzige ist: Die sexuellen Konnotationen sind angesichts der häufig Geschlechtsorganen ähnlichen Blütenformen kaum zu ignorieren. Allerdings treten sie nicht so offensiv auf wie beispielsweise in den Fotografien eines Robert Mapplethorpe. Sie besitzen vielmehr etwas von der sublimen Anspielungskraft der berühmten Arbeiten von Georgia O'Keeffe, hinzu kommt eine grafische Reduktionskraft, wie sie etwa Elsworth Kelly in seinen grandiosen Pflanzenzeichnungen ausgebildet hat.

Drei Werkgruppen sind in dieser Präsentation zu sehen: Skulpturen, Zeichnungen und grafische Arbeiten. Jede künstlerische Gattung, jedes Medium, jede Technik variiert in jeweils eigener Stofflichkeit und Formgebung das Grundmotiv des Floralen. Es handelt sich also hier um eine motivisch geschlossene, homogene Ausstellung, die zugleich aber in ihrer Formvielfalt weit ausgreift-und gerade dadurch ihre anmutige und sinnlich fesselnde Wirkung entfaltet.

Eine Skulptur trägt eine Krone, die an eine Mohnkapsel erinnert. Blätter legen sich rosettenförmig um die Stelle, an der die Blüte auf dem Stamm sitzt. Das Holz, aus dem die plastische Pflanzenform modelliert ist, hat jegliche Härte verloren. Die Wölbungen wirken organisch, die Oberfläche erscheint weich, die Farbigkeit fleischlich. Mehrgliedrig recken sich die plastischen Pflanzenbildnisse in die Höhe. Von mal bauchigen, mal schmal ovalförmig aufstrebenden Basiselementen streben spitze Blätter nach oben und umschließen blütenartige Gebilde, auf denen Keime und Samenformen liegen. Die Farbigkeit schließt an das Pflanzengrün an, erinnert im Inkarnat-Ton an die Fleischlichkeit der Blütenblätter, unterstreicht mit leuchtendem Rot den eingeschlossenen und exponierten Samen.

Die Titel der Skulpturen nehmen lediglich das Material, die Holzart, auf. Daraus ist der Rang abzuleiten, den das Stoffliche und Formale im Werk der Künstlerin besitzt. Kein Abbild, erst recht kein naturalistisches ist intendiert. Keine direkte Wiedererkennbarkeit der Blüte wird angestrebt, sondern in den plastischen Arbeiten wie schon bei den Zeichnungen erwähnt eine intensive, physische Empfindung für die Gestalt und ihren Gehalt. Die Skulpturen schließen an die Grundform des Holzes an. Das organische Wachstum bleibt sichtbar. Astlöcher werden wie ein Ornament für das Blütenkleid genutzt.

Zwischen Stele und Statur formulieren die Stämmen ähnlichen Skulpturen einen elementaren plastischen Aufbau aus Rumpf, Kopf und Extremitäten, eine Übersetzung der Naturform in seine stereometrischen Grundelemente, ohne dass allerdings jemals etwas von der sinnlichen Anmutung verloren ginge. Keine kantigen, sondern geschwungene Formen treten auf, der Vegetation nachgebildet. Natur bleibt gegenwärtig, doch sehen wir deutlich eine autonome ästhetische Setzung, die das Naturbild virtuos und streng zugleich umspielt.

Die Gestalt tritt als als Symbol für Entwicklung, Entfaltung, Fruchtbarkeit, Sinnlichkeit. Wie etwa in der Abbildung auf der Einladungskarte: Wir sehen dort eine kelchartige Form mit einem roten Innenleben, von einem Fächer oder auch wie von Händen umschlossen. Die Gestalt mutet wie eine Geste an, wie die Darbietung einer umfassten, ummantelten Gabe. Hülle und Innenleben wirken zusammen. Ein Keim, ein Samen reckt sich wie zum Geburtsakt.

Ellen Mäder-Gutz nutzt Fotografien, die vor der Natur entstanden sind, als Motiv-Arsenal. In der Entwicklung des jeweiligen Werkes findet jedoch bald eine Ablösung von der Ursprungsform statt. Sie gelangt von Naturstudien zu autonomen plastisch-bildnerischen Vokabeln. Ihre Transformation des Gesehenen, und das macht den besonderen Reiz aus, findet sich auf einer Schwelle zwischen Naturbild und Abstraktion.

Die Künstlerin stilisiert florale Schönheit und repräsentiert zugleich das Wesenhafte des Naturobjekts durch die gestalterischen Grundelemente. In ihren Kompositionen finden sich Bild-Bezirke reiner Linie, Fläche, Form und Farbe, künstliche Farbigkeit, mehr konzeptuell als naturalistisch, unter Hinzufügung eines hohen Grades an Klarheit.

In den Zeichnungen wird die Komposition aus einer umfassenden Formvorstellung heraus entwickelt. Die Vorzeichnung mit hartem Bleistift ist so aufgebracht, dass der Aufriss kaum sichtbar ist und jederzeit überzeichnet werden kann. Wenn die groben Konturen stehen, modelliert die Künstlerin mit weichen Bleistiften die Formen an - das Verfahren verrät die Herkunft aus der Bildhauerei. Ellen Mäder-Gutz schafft erst den dunklen Hintergrund und bildet dann daraus mit Weiß-Flächen die Umrisse und das Volumen der körperhaften Form. Aus der nahezu geschlossenen Dunkelheit werden so die Details der Pflanzenkörper „geschnitten".

Zu den klassischen Sujets der Bildhauerei, zumindest für alle, die ihre künstlerische Sozialisation in der DDR erfahren haben, zählt der Akt. Alles was sich in diesem Sujet formal und inhaltlich abhandeln lässt, findet sich auch im Floralen, das zeigt diese Ausstellung. Ellen Mäder-Gutz übernimmt Gestaltungsprinzipien des Aktes und überträgt sie auf pflanzliche Formationen. Sie schließt mit ihren plastischen Darstellungen ebenso an die erotische Anziehungskraft des entblößten Körpers an. Die Empfänglichkeit für eine vielschichtige bis zwiespältige Schönheit der Natur verbindet sich mit einem skulpturalem Blick, oder allgemeiner, einem künstlerischen Blick, der vor allem auch die grafischen Momente des Naturbildes aufliest.

Gerade der begeisternde Reichtum der Naturphänomene ebnet einen Weg zur Verfeinerung der Rezeption, sie animiert dazu, das Wahrgenommene auf den Punkt zu bringen. Die Darstellung des vermeintlich Gleichen offenbart die Unterschiede. Mit dem durch die serielle Anordnung intensivierten Blick lässt sich die Individualität und Besonderheit der einzelnen Form umso besser erkennen.

In der bereits angesprochenen Serie von Blättern, die im Übrigen den bezeichnenden Titel „Schlaflosigkeitszeichnungen" trägt, sind die Blüten zu eindringlichen Porträts, oder besser Charakterstudien, wenn man das bei Planzen sagen kann, freigestellt. In der Reihe „bella donna" finden sich eher Naturszenen, florale Anordnungen, die an ornamentale Rapporte erinnern und zumeist auch Stoffmustern entnommen sind. Die Kompositionen verbergen nicht ihr artifizielles Profil. Vor dem schwarzen Hintergrund muten die floralen Formationen wie aus einer exotischen Kulisse geschnitten, zugleich surreal und träumerisch an.

In ihren Transferdrucken mit dem Titel „belle de noir" lässt die Künstlerin Blüten-und Blattformen in mehrfacher Schichtung geradezu tänzerisch auftreten. In luftiger Transparenz offenbaren Naturformen hier eine betörende Zartheit und Zerbrechlichkeit. Diese Körperlichkeit ist eher flüchtig und vergänglich und dennoch, oder eben dadurch, um so präsenter und eindringlicher. Auch das gehört zum Wesen der Naturerscheinung und des natürlichen Prozesses. Die Körperlichkeit ist an den Polen Erotik und Sterblichkeit verankert. Die Intensität der Empfindung speist sich aus dem Fundamentalen und den Extremen.

Rainer Beßling